Ein Schreibtisch in Schottland – Einblicke von Katrin Bosse in Leben und Lehre auf der Insel

Katrin Bosse war von 2017 bis 2018 am ptz als Pfarrerin in der Vikarsausbildung tätig. Als ihr Mann einen Ruf an die Universität St. Andrews in Schottland erhielt, fasste die Familie den Entschluss, ihren Lebensmittelpunkt dorthin zu verlegen. Katrin Bosse ist verheiratet mit Christoph Schwöbel und hat 2 Söhne im Alter von 9 und 7 Jahren. Hier blickt sie auf ihr erstes Jahr zurück und gewährt Einblicke in Leben und Lehre auf der Insel.

Nach dem Umzug war vor dem Umzug

Während in Baden-Württemberg die letzten zwei Wochen der Sommerferien genossen werden können (hoffe ich!), sitze ich an meinem Schreibtisch mit Aussicht auf die Nordsee in der Bucht von St Andrews, auf die Ruine der Kathedrale dieser alten Uni-Stadt und auf die gemähten Felder, die unser neues Zuhause von der Stadt trennen… und bin eingeladen einen Beitrag zum ptz-Blog zu schreiben. „Vielleicht so etwas wie eine Bestandsaufnahme eures ersten Jahres in Schottland?!“ Ein bisschen bizarr fühlt sich alles an, denn durch den überraschenden erneuten Umzug vor 2 Wochen mit den vielen (jetzt wieder ausgepackten!) Kisten und dem neuen Eingewöhnen im Zuhause, auf den täglichen Wegen und – ja – beim Blick aus dem Fenster, ist die Nähe zu unserer Lebenssituation vor einem Jahr frappierend. Zugleich wird mir aber auch klar, wie ganz anders alles ist – die Schule hat wieder begonnen… und abgesehen von dem glücklichen Umstand, dass wir jetzt mit dem Fahrrad dorthin fahren können, ist eigentlich „alles beim Alten“, unsere Jungs bewegen sich sicher in ihrem Umfeld, im Gegenüber zu Lehrern, Mitschülerinnen und Freunden, und in der neu gelernten Sprache.

Ein reiches Jahr liegt hinter uns, wir gehören jetzt wohl nicht mehr zu den „Anfängern des schottischen Lebens“. Frisch fühlt sich manches dennoch an … und spannend bleibt es auch. Das scheint im persönlichen Leben zu gelten – und leider nach der „Wahl“ des neuen Prime Ministers und seinen „Plänen“ zum 31. Oktober auch ganz generell für Europäer auf britischem Boden. Beruhigend in diesem Zusammenhang ist immerhin, dass die Universität klare Solidarität mit ihren Mitarbeiterinnen und Wissenschaftlern vom Kontinent zeigt und wohl besser auf unterschiedliche denkbare Szenarios vorbereitet ist als viele andere Bereiche des Vereinigten Königreichs.

Das erste akademische Jahr hat uns gut in Atem gehalten. Drei Aspekte unterscheiden das Unterrichten an der Uni für mich deutlich vom deutschen Kontext, machen es zusätzlich spannend und natürlich auch herausfordernd:

Was „werden“ Theologiestudierende nach ihrem Abschluss?

Der vielleicht prägnanteste Unterschied zwischen dem deutschen (evangelischen) und dem britischen Theologie-Studium liegt in der losen Beziehung zwischen Berufswünschen von Studierenden und ihrer Studienfachwahl. Während in Deutschland der größte Anteil der Studierenden auf eine Berufstätigkeit als Pfarrerin oder als Lehrer zugeht (mit allen konkreten Besonderheiten, die das haben mag), sind hier nur wenige Studierende bereits entschlossen, Pfarrerin oder Pfarrer zu werden; Lehramtskandidat/innen im deutschen Verständnis gibt es nicht. Das Theologiestudium erscheint als eine von vielen Möglichkeiten, einen Hochschulabschluss zu erwerben, um danach auf dem Arbeitsmarkt für Akademiker nach interessanten Tätigkeitsfeldern Ausschau zu halten. Nicht selten wird Theologie mit anderen Fächern von Philosophie bis zu Computerwissenschaften kombiniert. Immer wieder stellt sich mir die Frage, wie eigentlich theologische Kompetenz zu beschreiben ist, wenn sie losgelöst von den kirchlichen Praxisfeldern zu erproben ist. Wie verhält sich Theologie dann zu anderen hermeneutischen Fächern? Wie speziell zur Philosophie? Und wie unterscheidet sie sich von ihnen? In der Lehre fehlt es mir, die Anwendungssituation im Pfarramt oder in der religiösen Erziehung von Kindergarten bis zum Abitur oder während der Berufsausbildung nicht mit Selbstverständlichkeit zum Beispielfall erklären zu können.

Der weite ökumenische Horizont und die vielen Kulturen

Die Divinity School in St Andrews ist keine konfessionelle evangelisch-theologische oder katholisch-theologische Fakultät. Professorinnen, Lehrbeauftragte, Mitarbeiter und auch Studierende gehören den unterschiedlichsten Denominationen und Kirchen an, manche verstehen sich als konfessionslos. Das eröffnet natürlich sofort einen weiten Horizont und führt zu vielen spannenden Diskussionen über die Frage der Implikationen christlichen Glaubens in allen Lebensbereichen. Niemals gerät die Perspektivität des eigenen Standpunkts, der eigenen Glaubensrichtung aus dem Blick, stets bleibt die Kontextualität der eigenen Auffassung im Gespräch („als lutherischer Christin erklärt sich mir das so…“). Das ist bereichernd … und manchmal auch ein bisschen mühsam… Gelegentlich erwische ich mich dabei, dass ich mir eine klare Bezogenheit auf z.B. ein reformatorisches Verständnis des christlichen Glaubens wünsche, gewissermaßen einen gemeinsamen Boden, eine Art Grundübereinstimmung (fast bin ich geneigt zu schreiben: ein Set von „Selbstverständlichkeiten“), von der aus ein Themenbereich erschlossen werden kann und die Orientierung für die Frage nach der Wahrheit geben kann.

Nicht gerade überschaubarer wird diese Situation für die Anfängerin der Theologie in Schottland durch die Internationalität der Studierenden. Viele Studierende in St Andrews kommen aus dem Ausland, besonders aus den USA – unsere Vorlesung für first year students im vergangenen Herbst besuchte nur eine Handvoll „echter Schotten“ und etwa ebenso viele Engländer (zusammen etwa ein Fünftel der Hörerschaft). Mit den amerikanischen (und anderen internationalen) Studierenden ergibt sich natürlich eine noch größere Vielfalt an Herkunftssituationen und Glaubensrichtungen, kirchlicher und anderer Kultur. Anders als aus der Perspektive der deutschen reformatorischen Theologin kann ich nicht authentisch Theologie treiben – und doch erfordert die Situation eine beständige Ausrichtung auf einen viel weiteren Horizont… Selbstverständlichkeiten werden dabei ganz automatisch permanent hinterfragt.

Wie bezieht sich das theologische Arbeiten auf die Kirche?

Unter den Studierenden mit vielfältigen Berufsvorstellungen und -perspektiven gibt es an der Divinity School hier auch einige Kandidat*innen für das Pfarramt in der Church of Scotland, der reformatorischen Kirche Schottlands. Praktische Theologie mit ihrer Ausrichtung auf pastorale Handlungsfelder (Gottesdienst mit Liturgie und Predigt, Unterricht, Seelsorge und Gemeindeaufbau) ist hier dennoch nicht als eigene Disziplin vertreten, sondern gehört in den Verbund von historischer und systematischer Theologie mit hinein. Nur wenige Lehrveranstaltungen verstehen die Reflexion kirchlicher Praxis als ihre explizite Aufgabe. Mit der Vielfältigkeit der konfessionellen Bindungen der Studierenden wie auch der Lehrenden ergäbe sich ja auch sofort die nächste Frage: Die Reflexion welcher kirchlichen Praxis sollte eigentlich unsere Aufgabe sein? (Mit dieser Frage durfte ich reichhaltige Erfahrungen im vergangenen Semester sammeln, als ich mit Studierenden der Church of Scotland, der römisch-katholischen Kirche und verschiedener amerikanischer Denominationen die Grundlagen der Pastoral Care (Seelsorge) zu erkunden versuchte – und mich immer wieder dabei ertappte, wie sehr mein Verständnis der Seelsorge sich aus der reformatorischen Theologie lutherischer Prägung speist.) Beziehungen zur Kirche, zu den Kirchen sind nicht institutionalisiert, sondern etablieren sich über die kirchlichen Lebenskontexte der Studierenden und der Lehrenden. Im wahrsten Sinne gottfroh kann man also darüber sein, dass Studierende und Lehrende solche kirchlichen Lebenskontexte der unterschiedlichsten Prägungen tatsächlich haben und eine sichtbare, spürbare und lebensfrohe Präsenz in den Gemeinden in St Andrews bilden. So können auch ohne die institutionell etablierte Bezogenheit von Theologie und Kirche lebendige Beziehungen des Austauschs entstehen, so dass theologische Arbeit nicht völlig unverbunden mit kirchlicher Praxis vollzogen wird und theologisch-reflektierende Wissenschaft nicht automatisch auf eine Wirkung auf die Gestaltung kirchlicher Praxis verzichten muss. In diesem Kontext aber erscheint es mir als eine Daueraufgabe, die Bezogenheit von Theologie und Kirche(n) und Theologie und Glaube oder Theologie und Gewissheit in allen Themenbereichen der theologischen Arbeit mit zu reflektieren – und den Stimmen der Vertreter*innen der Kirchen in dieser Reflexion einen Raum zu geben. Einige solcher Kontakte bestehen an der School of Divinity längst – für die Zukunft wird es wichtig sein, sie zu festigen und zu erweitern. Ich freue mich auf Aufgaben in diesem Bereich, die mir im gerade begonnenen Semester ein bisschen mehr Einblick in und Kontakt zur Church of Scotland gewähren werden… ganz abgesehen von der Freude über und auf gelegentliche Einladungen zu Predigten oder Gottesdienstleitung in unterschiedlichen Gemeinden hier vor Ort…

Text + Fotos: Katrin Bosse (katrin.bosse@elkw.de)

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