Interreligiöses Lernen in Wien – Das ptz international unterwegs

Vom 19.-21. Juni war das ptz auf seiner jährlichen Klausur zur Exkursion in Wien. Es gab viele Besuche und Referenten mit spannenden Themen. Lesen Sie hier unsere Reiseeindrücke. Übrigens haben wir es sogar bis in die News der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Wien/Krems geschafft: http://www.kphvie.ac.at/neues-an-der-kph/kph-news/article/paedagogische-expertinnen-aus-stuttgart-besuchen-kph-wienkrems.html

Einführung

Wien ist eine Reise wert – auch wenn man wie das ptz etwas zu Fragen religiöser Bildung in einer sich wandelnden Gesellschaft lernen will.

Die religiöse Landschaft in Wien verändert sich stark. Die Zahl der römisch-katholischen Kirchenmitglieder sinkt stark, die Zahl der konfessionslosen Menschen wächst ständig. Die evangelischen Kirchenmitglieder stehen im Ranking der Bekenntniszugehörigkeit noch hinter dem Islam und den orthodoxen Kirchen auf Rang 5. In der Schule gibt es bis zu  14 verschiedene bekenntnisgebundene Angebote von Religionsunterricht, teilweise wird der jeweilige Religionsunterricht in Kooperation verschiedener Schulen angeboten.

Die Kirchliche Pädagogische Hochschule Wien/Krems nimmt einerseits die religionsplurale Gemengelage, andererseits die Notwendigkeit interreligiöser Kompetenz von Lehrkräften organisatorisch und programmatisch auf – die Kooperation zwischen römisch-katholischen, evangelischen, freikirchlichen, orthodoxen, jüdischen und islamischen Angeboten wird dort immer mehr zur Selbstverständlichkeit.

Grund genug für das ptz-Kollegium, sich in Wien mit dortigen religionsrechtlichen und gesellschaftspolitischen Fragestellungen zu befassen, einen Einblick in die Arbeit der Kirchlich-Pädagogischen Hochschule Wien/Krems zu bekommen, bei Besuchen von Schulen und Kindertagesstätten vor Ort einen Eindruck religiöser Bildung in Wien zu erhalten und dabei Rückschlüsse für die Arbeit des ptz im Kontext der Situation in Baden-Württemberg zu ziehen.

Die zum Abschluss der Klausur noch in Wien gesammelten ersten Ergebnisse der Klausurtagung werden im Kollegium weiter beraten. Einige konkrete Umsetzungen sind schon geplant – man darf gespannt sein!

Die Reise nach Wien war die Reise wert, zumal die Rahmenbedingungen religiöser Bildung in Baden-Württemberg auch im Wandel begriffen sind.  (Text: Stefan Hermann)

 

Zwi Perez Chajes Schule, Wien

Die Glaswand zum Speisesaal

Diese Privatschule der israelitischen Kultusgemeinde Wien (https://www.zpc.at/) wird ausschließlich von Kindern und Jugendlichen jüdischer Herkunft aller Glaubensrichtungen besucht. Sie verpflichten sich am religiösen Leben der Schule teilzunehmen, das in aller Freiheit gestaltet wird. Wer am täglichen Morgengebet in der Synagoge nicht teilnehmen will, kann sich in parallel angebotenen Workshops mit dem jüdischen Ritus inhaltlich auseinander setzen bis er sich dazu bereit fühlt.

Der pädagogische Leiter Rimon Zilberg und Rabbiner Albert Shamonov mit Dozent Wolfhard Schweiker

Zu den spezifischen Fächern gehört neben jüdischer Geschichte und Hebräisch bzw. Iwrith auch die jüdische Religionslehre, die u.a. der Rabbiner Albert Shamonov erzählend-diskursiv erteilt. Jede Frage, jedes Argument ist willkommen und von Tora, Talmud und Midrasch ausgehend vor allem alles, was das praktisch-religiöse Leben betrifft: Wenn ich einen Tag nach Jom Kippur zwölf Jahre alt werden, muss ich dann schon fasten? Welche Gebetsworte spreche ich nach dem Aufstehen und wie viele Schritte darf ich am Sabbat bis zum Waschbecken gehen? Zugegeben jüdisch-orthodoxe Fragen, aber beeindruckend wie lebenspraktisch hier der RU ist. (Text: Wolfhard Schweiker)

Volksschule, Bischoffgasse 10, Wien

Zur Volksschule Jean Pictet gehören die zweizügige Volksschule Bischoffgasse und die ein- bis zweizügige Volksschule Nymphengasse. In der Volksschule Bischoffgasse konnten wir in zwei Stunden Evangelischer Religion hospitieren.

Die Situation des Evangelischen Religionsunterrichts in der Grund- bzw. Volksschule hat uns bewegt. Insgesamt 12 Kinder der gesamten Grundschule nehmen am Evangelischen Religionsunterricht teil, nicht alle diese Kinder sind getauft. Der Unterricht wird aufgrund der Gruppengröße nur einstündig erteilt, wobei in diesem Jahr sechs Kinder aus Klasse 4 eine Gruppe bilden und insgesamt sechs Kinder aus den Klassen 1-3 den Religionsunterricht bei der Kollegin besuchen. Ab dem nächsten Schuljahr wird der Evangelische Religionsunterricht in dieser Schule am Nachmittag angeboten, so dass die Kinder dafür noch einmal extra in die Schule kommen müssen. Vermutet wird, dass die Zahl dadurch weiter abnimmt.

Die Lehrerin selbst ist an zahlreichen Schulen und unterrichtet insgesamt 22 Wochenstunden von Klasse 1-10. Da die meisten Lerngruppen aufgrund der Diasporasituation nur einen einstündigen Religionsunterricht haben und dies häufig sogar jahrgangsübergreifend, sind evangelische Religionslehrer/innen in Österreich in besonderer Weise herausgefordert.

In Anbetracht dieser schwierigen Bedingungen war es beeindruckend, mit wie viel Geduld und Freude die Kollegin die beiden Stunden in den Lerngruppen unterrichtet hat. Auf die Frage, was ihr im Religionsunterricht besonders wichtig ist, nennt sie die Beziehung zu den Kindern und die Grundlegung fachlichen Wissens, wie biblische Geschichten und Feste im Kirchenjahr. (Text: Damaris Knapp)

Sir Karl Popper Schule, Wien (Wiedner Gymnasium)

(Schulhomepage: https://www.popperschule.at;  Kurzportrait als “Schule der Zukunft” https://www.schulen-der-zukunft.org/schulen-der-zukunft/portraits-potenzialentfaltender-schulen/sir-karl-popper-schule-wien/, Wikipedia-Artikel: de.wikipedia.org/wiki/Wiedner_Gymnasium )

Das Wiedner Gymnasium

Sehr beeindruckt war das Exkursionsteam vom Besuch in dieser besonderen Schule mitten im Zentrum von Wien, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Hinter der Fassade eines alten Mädchengymnasiums findet sich ein modernes Schulzentrum mit bestens ausgestatteten naturwissenschaftlichen Fachräumen, funktionierendem Schul-WLAN, für das jede/r Schüler/in einen persönlichen Zugangscode hat, auffällig entspannten Schüler/innen und einem hochmotivierten Lehrerkollegium. Die Schule ist als Schulversuch eine Art Dauerprovisorium des staatlichen Schulsystems mit einem besonderen Zug für Hochbegabte, deren Hochbegabung von externen Gutachter/innen festgestellt wird. Neben zwei Regelschulklassen gibt es derzeit zwei Popper-Schulklassen. Eine Besonderheit ist, dass schon in den mittleren Klassen im Modulsystem gearbeitet wird und die Schüler/innen sehr stark mitbestimmen können, was sie interessiert. Zu den klassischen Schulfächern wird in den Hochbegabtenklassen das Fach „Kommunikation und Sozialkompetenz“ angeboten.  Die beauftragten Lehrkräfte haben für dieses Fach spezielle Zusatzausbildung erhalten.

Gespräch mit der Fachschaft Religion im Lehrerzimmer

Die Fachschaft Religion arbeitet eng zusammen. Alle Schülerinnen und Schüler, die nicht am konfessionellen Religionsunterricht teilnehmen, haben Ethikunterricht, was in Österreich nicht vorgeschrieben und längst nicht überall selbstverständlich ist.

Spannend war für uns auch zu hören, wie die “Externistenprüfung” abläuft. Scheinbar ist es in Österreich üblicher als in Deutschland, die Matura abzulegen, ohne dass man in einer Schule darauf vorbereitet wurde. Homeschooling à la Austria.

Eine katholische Religionsstunde diente der Stoffwiederholung und forderte die Schüler/innen heraus mit einem Kahoot-Online-Quiz (https://kahoot.com/) . Jeder konnte mit seinem Smartphone (#BYOD) daran teilnehmen, sogar wir als Besuch durften ganz spontan mitspielen.  Vom hohen Niveau der Klasse waren wir sehr beeindruckt. Im anschließenden Kreisgespräch erzählten uns die Schüler/innen ganz offen, was für sie das Besondere am Fach Religion ist: “Wir werden gefragt, wie es uns geht.” Interreligiöse Themen wie das Tragen des Kopftuchs, die in Referaten erarbeitet werden, finden großes Interesse. Auch die Firmung war für alle ein schönes und intensives Erlebnis.

Abschließend lernten wir in einer bilingualen Stunde auf Englisch etwas über den Schwänzeltanz der Bienen. Als wir von den Englischkenntnissen einer Schülerin beeindruckt waren, erfuhren wir, dass viele auch noch Chinesisch lernen … Ist ja auch eine ziemlich verbreitete Sprache.

Einige markante Sätze zeigen gut die Einstellung der Schule: “Schüler machen die Erfahrung: Ich bin anders und du auch.” “Lehrer/innen und Schüler/innen und  schauen gemeinsam, was die Schüler/innen brauchen.” “Bei den Regelklassen geht man als Lehrerin mit Fragen in die Klasse hinein, bei Hochbegabten-Klassen kommt man mit Fragen heraus.”

Ein herzliches Dankeschön an Frau Ransdorf und die Reli-Kolleg/innen, die uns diesen spannenden Einblick ermöglicht haben!

(Text: Thomas Ebinger, Margit Metzger, Andrea Ritter, Christa Bächtle)

Kindergarten “Tabarak”

(Internetseite: http://www.pewien.at)

Seit 2016 Edlan Aslans Studie zum Islamismus in Wiener Kindergärten erschienen ist, wird in Österreichs Hauptstadt wieder heftig über Kindergartenpolitik gestritten. Über hundert Kindergärten in muslimischer Trägerschaft soll es hier geben. So genau weiß das keiner. Doch jetzt soll genauer hingeschaut werden. Die islamische Glaubensgemeinschaft allerdings sagt: Es gibt gar keine muslimischen Kitas in Wien. Heißt: Es gibt keine Kitas in ihrer Trägerschaft. Vermutlich nicht nur für Außenstehende etwas  verwirrend. Umso wichtiger ist eine Begegnung vor Ort.

Im Vorfeld hatten wir bei Edlan Aslan nachgefragt: Welche Kita sollen wir besuchen?  So sind wir zum Verein „Pädagogische Experten in Wien“ gekommen. Sie betreiben in einer ehemaligen Ladenzeile die Kita Tabarak mit insgesamt 12 Gruppen von 0 – 10 Jahren. Pädagogischer Schwerpunkt ist die Sprachförderung – wird diese Kita doch von vielen Kindern mit Migrationshintergrund besucht. Als Herzensanliegen beschreibt die Homepage „die Vermittlung von islamischen Werten, die wir in Form von spielerischen Ritualen, Festen und Bittgeben in den Alltag einfließen lassen“. Vor Ort jedoch wird uns gesagt: „Das dürfen wir nicht mehr! Der Staat will keinen Islam in der Kita.“

Der junge Wiener mit ägyptischen Wurzeln führt uns jedoch voller Stolz durchs Haus. Sein Vater hat den Verein gegründet, der diese Kita ins Leben gerufen hat. Später lernen wir noch seine Mutter und seinen Bruder kennen. Beide managen Organisation und Verwaltung, sie ehrenamtlich und er nebenberuflich. Im offenen Gespräch spüren wir ihre Trauer darüber, dass ihr Glaube unter Generalverdacht steht. Und ihre Sorge, dass zur religiösen Bildung von muslimischen Kindern die Hinterhofmoscheen nun wieder herhalten werden. Ob das im Interesse des österreichischen Staats sein kann? Hier in der Kita Tabarak leben und arbeiten Muslime und Christen zusammen, Kinder und Erwachsene. Hier könnte täglich geübt werden, was eine offene Gesellschaft eben auch braucht: das Gespräch und die Begegnung über kulturelle und religiöse Grenzen hinweg. Wir haben hier mal wieder erlebt, wie gewinnbringend und inspirierend eine solche Begegnung sein kann – zweieinhalb Stunden in einer muslimischen Kita, die es eigentlich gar nicht gibt. (Text: Andreas Lorenz)

Islamische Fachschule für Soziale Bildung

Dozent Joachim Ruopp vor der Fachschule

(http://www.bif-fachschule.at/)

19, 17, 15: Die Hausnummern werden kleiner, jetzt muss die Schule gleich da sein. Was, da soll eine Schule sein? Tatsächlich. Die Fachschule für soziale Bildung ist eine vor allem berufsvorbereitende Fachschule mit „Öffentlichkeitsrecht“, also staatlicher Anerkennung. Sechs Klassen sind in dem Gebäude unterwegs, das eigentlich eher ein Wohngebäude ist. Sie will sich vor allem Familien aus der muslimischen community anbieten, um dort den Gedanken der Bildungsgerechtigkeit stark zu machen. Die Absolvent/innen machen später an anderen Schulen die Matura oder sie wechseln in Berufsausbildungen. Soziale Bildung, das heißt bei uns: fast nur Mädchen und Frauen. Das ist auch in Wien so. Und bedeutet Islamische Fachschule, dass alle Frauen Kopftuch fragen und kontaktscheu sind? Nein. Zwei der jungen Frauen im Unterricht, immerhin, haben kein Kopftuch. Und die anderen lächeln echt freundlich und sind auf den Besuch im Unterricht mindestens so neugierig wie wir auf sie. Die Fremdheitserfahrungen im Unterricht sind gering. Ja, auch muslimische junge Frauen in Wien lieben ihr Handy. Ja, auch Lehrkräften für islamischen RU fällt es nicht immer leicht, Schülerinnen und Schüler zum Sprechen zu bringen. Es geht um die Frage, wie man Glauben lernt: Durch Imitation von Vorbildern oder „Beweis“, sagen wir: eigenes Nachdenken. Eigentlich ein dankbares Thema. Aber beim Schulbesuch wenige Tage vor den Ferien fällt es Lehrer wie Schüler/innen schwer, kontrovers zu werden. Religionsunterricht an dieser Schule, das heißt übrigens: 3 Stunden pro Woche, und islamisches Recht und Koranrezitation gehören auch dazu. Und plötzlich war da noch Carla Amina Baghajati auch in der Schule zum Gespräch. Man wollte, dass wir auch noch die religionsdidaktische Diskussion auf Sek-II-Niveau führen können. Danke für diese überraschende Begegnung! (Text: Joachim Ruopp)

Evangelisches Gymnasium und Werkschulheim Wien

Das evangelische Gymnasium und Werkschulheim in Wien

Das junge private Evangelische Gymnasium Wien  (http://www.evgym.at) ist in dem baulich interessanten 11. Bezirk vor gut 10 Jahren errichtet worden. Unter dem Dach dieser Schule haben drei Hausgemeinschaften für pflegebedürftige Senioren Platz gefunden; gelebte Diakonie ist kein Fremdwort für die Schulgemeinschaft. Wechselnde thematische sozialdiakonische Unterrichtsschwerpunkte und praktische Umsetzungen in diesem Bereich sind festes Programm für alle Klassen. Die Attraktivität der Schule ist außerdem durch das sog. Werkschulheim gegeben. Die Jugendlichen können auf Wunsch  in  ihrer Schulzeit eine handwerkliche Ausbildung in der Tischler- bzw. Goldschmiedewerkstatt oder im Bereich EDV-Technik absolvieren. Kein Wunder, dass die Plätze, trotz Gebühren, in dieser Schule begehrt sind.  Eindrücklich! (Text: Charlotte Altenmüller/Foto: Gerhard Ziener)

 

Impressionen aus Wien

2 Gedanken zu “Interreligiöses Lernen in Wien – Das ptz international unterwegs”

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